Die Geschichte des WingTsun

Die Geschichte des WingTsun

Wing Tsun: „Schöner Frühling“ – die Geschichte einer faszinierenden Kampfkunst

Kaum eine andere Entstehungsgeschichte zieht die Kampfkünstler so in den Bann wie die des WingTsun-Kung-Fu. Kein Wunder, ist diese Kampfkunst doch einige von ganz wenigen, die ihre Ursprünge auf Frauen zurückführt. Dass die Erzählungen über die Stilbegründerin Ng Mui und ihre Schülerin Yim Wing Tsun historischen Fakten entsprechen, ist seit langem durch intensive Nachforschungen – vor allem durch GM Leung Ting – widerlegt. Geschichtlich nachweisbare Personen und Ereignisse vermischen sich mit traditionellen Überlieferungen, politischer Agitation und asiatischem Symbolismus. Das mindert aber keineswegs die Faszination, die der Legende eigen ist. Die Aussagekraft von Mythen hängt grundsätzlich nicht von ihrer historischen Authentizität ab.

Inhalt:

Das Shaolin-Kloster

Während der Kanghsi-Regierung der Ching-Dynastie waren die Anhänger des Shaolin-Kung-Fu-Stiles wegen ihrer Kampfkunst so berühmt, dass die Ching-Regierung sich deshalb Sorgen machte und beschloss, die Mönche zu töten und das Kloster am Sung-Berg der Honan-Provinz in Zentralchina zu vernichten. Soldaten wurden mit dem Befehl ausgesandt, das Kloster zu zerstören und die Religionsgemeinschaft auszulöschen. Aber die Mönche des Shaolin-Klosters leisteten so starken Widerstand, dass selbst nach langem und hartem Kampf das Kloster noch immer unversehrt war. Chan Man Wai, der bei der Beamtenprüfung als Bester des Jahres abgeschnitten hatte, wollte sich bei der Regierung einen Namen verschaffen und trug ihr seinen Plan vor. Um den Plan durchzuführen, verschwor er sich mit einigen Mönchen des Shaolin-Klosters. Der wichtigste von ihnen hieß Ma Ning Yee, der sich überreden ließ, seine eigenen Kameraden zu verraten, indem er hinter ihrem Rücken das Kloster in Brand steckte. Auf diese Weise gelang es schließlich doch, das Shaolin-Kloster niederzubrennen. Die meisten Mönche und Laien, die sich auf die Kampfkunst verstanden, kamen ums Leben. Dennoch gelang es einigen Kämpfern zu entkommen. Zu diesen gehörten die fünf Älteren, die Führer der fünf Shaolin-Stile: die buddhistische Meisterin Ng Mui, Meister Chi Shin, Meister Pak Mei, Meister Fung To Tak, Meister Miu Hin und ihre Schüler, besonders Hung Hay Kwun, Fong Sai Yuk und Luk Ah Choy.
Einer der fünf Älteren, der Meister Chi Shin, der auch Abt war und vor dem Brand die meisten Schüler besaß, hatte sie von der Notwendigkeit überzeugt, dass sie gegen die Manchus kämpfen müssten. Deshalb wurden Chi Shin und seine Lieblingsschüler steckbrieflich gesucht. Damit man sie nicht fassen konnte, befahl Chi Shin seinen Schülern, sich über das ganze Land zu zerstreuen. Er selbst nahm eine Tarnidentität als Koch auf einer Roten Dschunke an. Als „Rote Dschunke“ wurden die Transportschiffe einer Operntruppe bezeichnet, die üblicherweise mit roter Farbe gestrichen und bunten Fahnen geschmückt waren.
Andere Meister wie Miu Hin und seine Tochter Miu Tsui verbargen sich erst längere Zeit unter den Miao- und Yao-Stämmen zwischen Szechwan und Yunnan. Dann reisten sie umher und bereicherten die chinesischen Legenden um manches Abenteuer. Bekannt sind in China die Geschichten „Fong Sai Yuk fordert den Verteidiger eines Turniers heraus“ und „Ng Mui tötet Lee Pa Shan auf den Pflaumenblütenpflöcken“.

Die Nonne Ng Mui ließ sich im Weißen Kranich-Tempel am Tai Leung-Berg nieder. Dort konnte sie sich ungestört der Kampfkunst und dem Zen widmen.

Die Nonne Ng Mui entwickelt einen neuen Kampfstil

Lange Zeit überlegte Ng Mui, wie sie eine neue Kampfkunst entwickeln könnte, die auch einen schwächeren Menschen befähigen würde, einen in klassischen Kampfkünsten Trainierten zu besiegen.

Die Legende besagt, dass sie die entscheidende Inspiration hatte, als sie einen Kampf zwischen einem Kranich und einem Fuchs beobachten konnte. Der Fuchs lief um den Kranich herum, in der Hoffnung, einen tödlichen Angriff gegen dessen ungeschützte Flanke anbringen zu können. Der Kranich drehte sich stets so, dass seine Brustseite fortwährend dem Fuchs zugewandt war. Jedesmal, wenn der Fuchs dem Kranich zu nahe kam und ihn etwa mit einer Pfote angreifen wollte, wehrte der Kranich mit einem Flügel ab und führte gleichzeitig einen Gegenangriff mit seinem Schnabel aus. Während der Kranich also mit den Schwingen abwehrte und mit dem Schnabel konterte, verließ sich der listige Fuchs auf die Schnelligkeit seiner Beine und auf Überraschungsangriffe.

Wie dieser Kampf endete, war nicht von Bedeutung. Ng Mui aber entwickelte aus den daraus gewonnenen Ideen ein neues Kampfkunstsystem.

Die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale des neuen Systems von Ng Mui zum Shaolin-Kung-Fu waren die einfacheren und anpassungsfähigeren Bewegungen, die Praxisbezogenheit und der ökonomischere Krafteinsatz.

Ng Muis System zielte darauf ab, den Gegner mit Methode statt mit Kraft zu besiegen.

Die Shaolin-Nonne und ihre Schülerin

Am Tai-Leung-Berg machte Ng Mui Bekanntschaft mit einem gewissen Yim Lee und dessen Tochter Wing Tsun, was so viel bedeutet wie „schöner Frühling“. Diesem jungen Mädchen hat das System der Nonne Ng Mui seinen wohlklingenden Namen zu verdanken.

Zu jener Zeit lebte die buddhistische Nonne Ng Mui im Weißen-Kranich-Tempel am Tai-Leung-Berg. Dort pflegte sie mehrere Male im Monat den Marktplatz des nahen Dorfes zu besuchen, um einzukaufen. An einem Stand verkaufte das junge Mädchen Yim Wing Tsun mit ihrem Vater Tofu. Die beiden waren aus ihrer Heimat in der Kwantung-Provinz geflüchtet, da ihr Vater, Yim Lee, unglücklicherweise in eine Gerichtssache verwickelt war. Er hatte als Schüler des Shaolin-Klosters einige Kampftechniken erlernt und sorgte in seiner Heimat für Gerechtigkeit, wenn es sich als nötig erwies. Dadurch geriet er in Schwierigkeiten, die ihn zwangen, seine Heimat zu verlassen. Er floh mit seiner Tochter an die Grenze der Provinzen Szechwan und Yunnan und ließ sich am besagten Tai-Leung-Berg nieder.

Yim Wing Tsun enwickelte sich zu einem aufgeweckten und hübschen Mädchen. Ihre Schönheit und ihr freundliches Wesen sollten aber auch die Ursache für ein schlimmes Problem werden: Im Ort gab es einen notorischen Schläger namens Wong, der ständig Streit suchte. Aber die Dorfbewohner konnten ihm nichts anhaben, da er ein Kung-Fu-Experte war und einer Geheimgesellschaft angehörte. Angezogen von der Schönheit Yim Wing Tsuns, hielt er um ihre Hand an. Doch Wing Tsun war schon als kleines Kind dem Jüngling Leung Bok Chau, einem Salzkaufmann aus Fukien versprochen worden. Wong schickte ihr daraufhin einen Boten, setzte ihr eine Frist und drohte Gewalt anzuwenden, falls sie sich ihm verweigerte. Vater und Tochter lebten also in großer Sorge um ihre Zukunft.

Ng Mui war im Laufe der Zeit zur regelmäßigen Kundin von Yim Lee geworden und unterhielt sich oft mit den beiden. Eines Tages erkannte sie, dass die beiden von großen Sorgen gequält wurden. Auf ihre Fragen erzählte ihr Yim Lee alles. Ng Mui hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und beschloss, Wing Tsun zu helfen. Aber sie wollte den Bösewicht nicht selbst bestrafen, da sie einerseits ihre Tarnidentität nicht aufgeben wollte, andererseits ein Kampf zwischen ihr, der berühmten Meisterin aus dem Shaolin-Kloster, und einem unbekannten Dorfschläger unfair und ruhmlos gewesen wäre. Deshalb wollte sie Yim Wing Tsun helfen, indem sie ihr die Kunst des Kämpfens beibrachte. Nach nur drei Jahren Privatunterricht hatte das Mädchen die ihr gezeigte Methode gemeistert.
Ng Mui schickte sie nach der Ausbildung im Weißen-Kranich-Tempel wieder zurück zu ihrem Vater. Kaum kehrte Wing Tsun ins Dorf zurück, wurde sie wieder von dem Schläger Wong bedrängt. Dieses Mal lief sie nicht vor ihm davon, sondern forderte ihn zum Kampf auf. Der Rowdy war sich seines Sieges sicher und freute sich darauf, das schöne Mädchen endlich zu erringen. Aber er sollte sich täuschen, denn Wing Tsun schlug ihn zu Boden, wo er hilflos liegen blieb.

Nachdem Wing Tsun den Schläger besiegt hatte, setzte sie ihre Kampfübungen fort. Als Ng Mui beschloss, wieder weiterzureisen, ermahnte sie Wing Tsun, einen würdigen Nachfolger zu finden und nur die richtigen Schüler zu unterweisen.

Von Yim Wing Tsun bis Wong Wah Bo

Yim Wing Tsun und ihr Mann Leung Bok Chau

Yim Wing Tsun heiratete schließlich doch ihren Verlobten Leung Bok Chau und gab die Kampfkunst-Methode, die sie von Ng Mui erlernt hatte, an ihn weiter. Leung Bok Chau hatte bereits vor ihrer Hochzeit Kung-Fu trainiert, deswegen hörte er seiner Frau anfangs auch kaum zu, wenn sie über die Theorie der Kampfkunst sprach. Natürlich glaubte er, dass eine Frau zu schwach sei, um ein ernstzunehmender Gegner für einen Mann zu sein. Doch endlich fand Wing Tsun die Gelegenheit, ihm ihr Können praktisch zu beweisen. Und so oft sie miteinander kämpften, wurde Leung Bok Chau von ihr besiegt. Erst da erkannte er, dass seine Frau eine große Meisterin der Kampfkunst war. Ihr zu Ehren nannte er dieses Kung-Fu-System später „Wing Tsun Kuen“. Leung Bok Chau trainerte regelmäßig mit seiner Frau, bis er selbst ein Meister dieser Kampfkunst geworden war.

Leung Bok Chau gibt das Wing-Tsun-System an Leung Lan Kwai weiter

Später gab Leung Bok Chau das System an Leung Lan Kwai weiter, einem Kräuter- und Knochenarzt, der seine Kung-Fu-Kenntnisse für sich behalten und niemals publik machen wollte. Nicht einmal seine Verwandten und engsten Freunde wussten, dass er ein Meister des Kung-Fu war. Sein Geheimnis wurde erst offenbar, als er eine Gruppe Schläger in die Flucht schlug, die einen Einzelnen angegriffen hatte. Hätte Leung Lan Kwai damals sein Können nicht zeigen müssen, so wäre die Geschichte des Wing Tsun wohl an dieser Stelle beendet worden. So aber kam es, dass er sein Wissen an Wong Wah Bo weitergab, einem Schauspieler bei einer Operntruppe, die man damals alle „Jünger der Roten Dschunke“ nannte. Ursprünglich hatte Leung Lan Kwai niemanden unterrichten wollen, aber Wong Wah Bos aufrechter Charakter und sein Gerechtigkeitssinn stimmten ihn um, sodass ihn Leung Lan Kwai als Schüler akzeptierte.

Wong Wah Bo tauscht die WingTsun- mit den Langstocktechniken von Leung Yee Tai

Es war damals üblich, dass die meisten „Jünger der Roten Dschunke“ etwas von Kampfkunst verstanden. Bei ihren Vorführungen mussten sie dicke Schminke auf ihre Gesichter auftragen, sodass sie nicht zu erkennen waren. Deswegen tarnte sich auch der buddhistische Meister Chi Shin – einer der fünf Älteren des Shaolin-Klosters, der wie die Nonne Ng Mui nach dem großen Brand entkommen war – als Koch auf einer „Roten Dschunke“, um nicht verhaftet zu werden. Obwohl er lange Zeit versuchte, seine Identität zu verbergen, vertraute er sich doch einigen „Jüngern der Roten Dschunke“ an. Und er wurde nicht verraten. Im Gegenteil! Sie schützten ihn mehrfach erfolgreich in gefährlichen Situationen; denn als rechtschaffende Menschen hassten sie die Manschu-Regierung und arbeiteten im Geheimen an ihrem Sturz, indem sie Vereinigungen gründeten, die Aktionen gegen die Manschu-Regierung unternahmen.

So wurde Meister Chi Shin ihr Held. Er brachte ihnen die Kunst des Kämpfens bei, indem er sie im Shaolin-Kung-Fu unterwies, damit sie auf den bevorstehenden Kampf mit den Manschu-Soldaten vorbereitet waren. Unter Meister Chi Shins Schülern verdient Leung Yee Tei besondere Erwähnung. Er war nicht als Schauspieler, sondern als Seemann auf der „Roten Dschunke“. Mit Hilfe einer langen Stange lenkte er die Dschunke. Von all den Techniken, die Meister Chi Shin demonstrierte, gefiel Leung Yee Tei deshalb die „Langstock-Technik“ am meisten. Leung Yee Tei hatte Glück: Meister Chi Shin war einer der wenigen Langstock-Experten, und er hielt Leung Yee Tei für würdig, diese Techniken zu erlernen.

Nun aber zurück zu Wong Wah Bo, der auf der gleichen „Roten Dschunke“ arbeitete, die Leung Yee Tai mit seinem langen Ruder lenkte. Wong Wah Bo bewunderte Leung Yee Teis Langstocktechnik, und Leung Yee Tei wiederum bewunderte das waffenlose Wing-Tsun-Kung-Fu Wong Wah Bos. Sie konnten beide voneiander lernen und tauschten ihre Kenntnisse aus. Auf diese Weise wurde Leung Yee Tei ein Mitglied der Wing-Tsun-Familie und das Wing-Tsun-System hatte nunmehr zusätzlich zu seiner Doppelmesser-Methode (Bart-Cham-Dao) auch noch eine weitere Waffen-Bewegungsfolge aufgenommen: die „6 1/2-Punkt-Langstocktechnik“. Als Wong Wah Bo und Leung Yee Tei einander halfen, die Technik des anderen zu erlernen, stellten sie fest, dass sie ihre eigene Technik mit Hilfe der Technik des anderen ergänzen und verbessern konnten. Zum Beispiel konnten sie die ursprüngliche Langstocktechnik verbessern, indem sie sie den genialen WT-Prinzipien unterwarfen. Unter anderem übernahmen sie für den Langstock die Wing-Tsun-Trainingsmethode der Arme „ChiSao“, sodass die neue Langstockübung „ChiKwan“ erschaffen wurde. Außerdem machten sie die Technik wirksamer, indem sie den Langstock weniger breit fassten und die Schritttechnik des waffenlosen Wing Tsun übernahmen.

Leung Jan – der „König des Wing Tsun“

Im fortgeschrittenen Alter gab Leung Yee Tei die Kunst des Wing Tsun an Leung Jan weiter. Leung Jan war ein bekannter Arzt in Fatshan, einer der vier berühmten Städte der Provinz Kwantung in Südchina. Fatshan, ein Verkehrsknotenpunkt am Perlenfluss, war ein berühmter Handelsplatz, an dem Regierungsbeamte, reiche Kaufleute, Arbeiter und gewöhnliches Volk zusammenkamen.

Leung Jan gehörte dort eine Art Kräuter-Apotheke. Er kam aus einer guten Familie, war kultiviert, freundlich und höflich. Er kümmerte sich nicht nur um seine Jang-Sang-Apotheke in Fatshan, sondern er gab den Bürgern von Fatshan auch ärztlichen Beistand. Als guter Arzt genoss er das Vertrauen der Einwohner, sodass seine Praxis gut besucht war. In seiner Freizeit widmete er sich der Literatur und – was manchen überraschte – der Kunst des Kämpfens. Er konnte sich allerdings nicht so recht entschließen, einem bestimmten Lehrer und Stil zu folgen. Auch hielt er nichts von den tiefen Stellungen und den langen Brücken, die auf die meisten so gefährlich und kraftvoll wirkten. Stile, die sich auf rohe Körperkräfte verließen, waren nichts für ihn. Ebensowenig hielt er von solchen, die aus schönen, aber unpraktischen Bewegungen bestanden. Was er suchte, war ein System, dessen einfache Bewegungen praktisch und vernünftig anzuwenden waren. Jahre vergingen, in denen er nach dem richtigen System und dem richtigen Lehrer suchte. Endlich wurde sein Warten belohnt – er traf Leung Yee Tei und lernte von ihm das WingTsun-System.

Schon bald verdiente sich Leung Jan durch sein Können den Titel „Kung-Fu-König des Wing Tsun“. Sein Ruhm brachte ihm viele Herausforderungen ein. Ehrgeizige Kämpfer zwangen ihn, seinen Titel zu verteidigen, waren aber schnell besiegt. Überall, wo man seinen Namen nannte, erinnerte man sich an seinen Titel „Kung-Fu-König des Wing Tsun“ und an seine Siege über alle Herausforderer. Selbst heute spricht die ältere Kung-Fu-Generation noch voller Bewunderung von Leung Jans Kämpfen.

Wah der Holzmann und Wah der Geldwechsler

Leung Jan hatte es finanziell nicht nötig, den Wing-Tsun-Unterricht hauptberuflich zu betreiben. Wenn er Schüler annahm, dann vor allem deshalb, weil er für seine Wing-Tsun-Studien Trainingspartner brauchte. Er hatte deshalb nur wenige Schüler, unter ihnen seine beiden Söhne Leung Tsun und Leung Bik. Jeden Abend, nachdem er seine Apotheke geschlossen hatte, unterrichtete er Wing-Tsun. Einer seiner Schüler wurde Wah der Holzmann genannt, weil seine Arme hart wie Holz waren und weil er im Training oft die dicken Arme der Holzpuppe zerbrach. Jeden Abend trainierte er unter Anleitung seines Lehrers Leung Jan mit seinen Klassenkameraden Wing-Tsun. Direkt neben seiner Apotheke war der Stand eines Geldwechslers, der Chan Wah Shun gehörte. Man nannte ihn Wah den Geldwechsler. Er war nahezu verrückt nach Kung-Fu und wollte unbedingt einem berühmten Meister folgen. Da sein Stand neben Leung Jans Apotheke war und er dessen Auftreten bewunderte, hätte er Leung Jan zu gerne um Unterricht gebeten. Aber Leung Jan war ein reicher Bürger und gehörte einer berühmten Familie an. Deshalb traute sich Chan Wah Shun nicht, sich ihm mit einer solchen Bitte zu nähern. Außerdem hatte er große Angst, abgewiesen zu werden. Jeden Abend nach der Arbeit schlich sich Wah der Geldwechsler auf Zehenspitzen zur Tür von Leung Jans Apotheke, um Leung Jan durch die Ritze beim Wing-Tsun-Unterricht zu beobachten. Meister Leung Jan war sein Vorbild. Keine Hand- oder Fußbewegung Leung Jans entging seiner Aufmerksamkeit. Täglich wurde sein Verlangen größer, Wing-Tsun zu erlernen. Eines Tages nahm er all seinen Mut zusammen und sprach Leung Jan an. Wie erwartet, wurde er – wenn auch mit freundlichen Worten – abgewiesen. Er war selbstverständlich enttäuscht, jedoch keinesfalls mutlos, denn er hatte sich einen Plan zurechtgelegt, wie er sein Ziel dennoch erreichen könnte.
Eines Tages, als Leung Jan außer Haus war, brachte Wah der Holzmann einen starken Mann mit zum Training in die Apotheke. Nur Leung Jans jüngerer Sohn, Leung Tsun, war anwesend. Tatsächlich war der Fremde Wah der Geldwechsler, der schon seit langer Zeit Wing-Tsun durch den Türspalt gelernt hatte. Leung Tsun wollte sofort mit dem Geldwechsler kämpfen, um festzustellen, wie viel dieser durch den unerlaubten Unterricht mitbekommen hatte und um natürlich seine Überlegenheit zu beweisen. Leung Tsun hatte nie so hart trainiert, wie sein Mitschüler Wah der Holzmann. Schon beim ersten Kontakt fühlte Wah der Geldwechsler, dass sein Gegner nicht so stark und geschickt war, wie er erwartet hatte. Ohne dass er es beabsichtigt hatte, traf Chan Wah Shuns Handflächenstoß Leung Tsun so hart, dass dieser in den geliebten Sessel seines Vaters geschleudert wurde, sodass ein Stuhlbein brach. Zunächst waren alle über den Ausgang des Kampfes verblüfft. Dann begannen sie zu fürchten, dass Leung Jan sie bestrafen würde, weil sein Lieblingssessel kaputt war. Deshalb versuchten sie, den Schaden notdürftig zu tarnen, damit Leung Jan bei seiner Rückkehr nichts bemerkte.

Als Leung Jan am selben Abend zur Apotheke zurückkehrte, wollte er sich nach dem Abendessen auf seinem geliebten Sessel ausruhen. Zu seiner Überraschung brach der Sessel auf einer Seite zusammen, sodass er selbst fast zu Boden stürzte. Als er seinen ältesten Sohn verhörte, erfuhr Leung Jan alles über den Besuch des Fremden und über den Kampf. Daraufhin musste auch Wah der Holzmann seinem Meister Rede und Antwort stehen. Besonders interessierte Leung Jan, auf welche Weise Wah der Geldwechsler seine Wing-Tsun-Kenntnisse erworben hatte. Leung Jan musste erfahren, dass der Geldwechsler ihn täglich durch den Türspalt beim Unterrichten beobachtet hatte und dass sein eigener Schüler, Wah der Holzmann, ihm Privatunterricht gab. Leung Jan ermahnte den Holzmann, dass es falsch sei, ohne Erlaubnis seines Lehrers Kung-Fu zu unterrichten und ließ sofort den Geldwechsler holen. Da er dachte, dass Leung Jan eine Bestrafung im Sinne hatte, riet er seinem Freund, dem Geldwechsler, in seine Heimatstadt zu fliehen, statt Leung Jan aufzusuchen. Als der Holzmann also ohne den Geldwechsler zurückkehrte, erfuhr er, dass er seinen Lehrer gründlich missverstanden hatte: Als der Holzmann hörte, dass sein Lehrer nur feststellen wollte, wie viel Chan Wah Shun gelernt hatte, war er überglücklich und brachte seinen Freund schnell zu Meister Leung Jan. Nachdem Leung Jan den jungen Mann geprüft hatte, nahm er ihn ohne weitere Umstände als Schüler an.

Chan Wah Shun – der erste Lehrer Yip Mans

Chan Wah Shun der Geldwechsler wurde zum Nachfolger Leung Jans. Manche mit der chinesischen Tradition nicht so vertraute Leser hätten sicher erwartet, dass einem von Leung Jans eigenen Söhnen – Leung Tsun oder Leung Bik – diese Position zugestanden hätte. Tatsächlich gibt es eine derartige Thronfolge im chinesischen Kung-Fu nicht! Meist trainieren die Söhne von Großmeistern weniger hart als die anderen Schüler, da sie nicht so motiviert sind, sondern sich eher in Opposition zu ihrem Vater befinden. Natürlich hätte ein Vater lieber sein eigenes Fleisch und Blut zum Nachfolger, deshalb macht er es seinem Sohn oft leichter, höhere Techniken zu lernen. Aber der Sohn ist mit dem reinen Wissen zufrieden – nach dem Motto: „Ich weiß etwas, was Du nicht weißt.“ Er handelt nicht nach dem Dichterwort: „Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Meist wird er zum Besserwisser, der zu faul zum Üben ist. So weiß er meist nur theoretisch etwas, aber in Wirklichkeit kann er nichts und ist auf die fleißigen Schüler seines Vaters eifersüchtig. Demgemäß wurde nicht einer von Leung Jans Söhnen dessen Nachfolger, sondern Chan Wah Shun. Darum wurde nicht Chan Wah Shuns Sohn Chan Yu Min dessen Nachfolger, sondern Yip Man. So ist nicht einer von Yip Mans Söhnen (von denen zwei wing chun lernten) derjenige, der Wing-Tsun am besten in der Welt bekannt macht, sondern Leung Ting. Ebenso praktiziert zwar Leung Tings Sohn Kung-Fu, aber eine Thronfolge vom Vater auf den Sohn gibt es im Wing-Tsun nicht. Ähnliches gilt im Übrigen auch für andere chinesische Kampfkünste, bei denen es aufs Können ankommt.
Chan Wah Shun hatte keine eigene Schule, sondern er mietete sich Räume nach Bedarf. Während der 36 Jahre, die er unterrichtete, hatte er insgesamt nur 16 Schüler – unter ihnen seinen Sohn Chan Yu Min.
Chan Yu Min war ein verzogenes Kind, das sich zum Missvergnügen seines Vaters am liebsten mit jugendlichen Kriminellen seines Ortes prügelte. Deshalb nahm Chan Wah Shun davon Abstand, seinem Sohn die höchsten Wing-Tsun-Techniken beizubringen. Stattdessen zeigte er sie aber seiner Schwiegertochter. Dadurch konnte Chan Yu Mins Frau viel besser kämpfen als er, sodass Chan Yu Min später von seiner Frau lernen musste, was sein Vater ihm nicht zeigen wollte. Chan Yu Min war jedoch besonders geschickt im Umgang mit dem Langstock. Deshalb errang er bei einem Kampfkunstturnier der sieben Provinzen den Titel „Langstock-König der sieben Provinzen“ und erhielt als Sieger einen gigantischen Langstock, auf dem sein Name und Titel eingraviert worden waren. Als er Jahre später seine eigene Schule eröffnete, brachte er diesen Langstock über der Tür an, um Schüler zu werben.